Wo alles beginnt
Manche Projekte beginnen mit einem Bild. Dieses beginnt mit einer Frage: Wer war dieses Schiff — und woher kam es?
Für 2027 bereite ich eine Expedition zu einem Wrack vor der kroatischen Küste vor. Das Wrack selbst ist bekannt, man kann es finden, man kann es betauchen. Was niemand kennt, ist seine Identität: Sein Name, seine Herkunft, seine Geschichte liegen im Dunkeln. Genau das ist das Geheimnis, dem ich nachgehen möchte. Es geht nicht darum, etwas Verborgenes zu entdecken, sondern etwas Bekanntes endlich zu verstehen — herauszufinden, welche Geschichte dieses Schiff trägt, und sie sichtbar und verantwortungsvoll zu erzählen.
Ein bekanntes Wrack mit unbekannter Geschichte
Ein Wrack ist mehr als versunkenes Metall. Es ist ein festgehaltener Moment — der Augenblick, in dem etwas zu Ende ging, und alles, was das Meer seither daraus gemacht hat. Leben siedelt sich an, Formen verändern sich, und was einmal ein Schiff war, wird zu einem eigenen kleinen Ökosystem. Doch bei diesem Wrack kommt etwas hinzu: eine offene Frage. Wer hat es gebaut, wer hat es gefahren, wie und wann kam es an diesen Ort?
Diese Lücke reizt mich. Ein Schiff ohne Namen ist wie ein Mensch ohne Biografie — man sieht die Gestalt, aber nicht die Geschichte. Ihr nachzuspüren bedeutet Recherche über das Tauchen hinaus: Archive, historische Quellen, Baumerkmale, die Zeugnis ablegen, das Zusammensetzen kleiner Hinweise zu einem größeren Bild. Verantwortungsvolle Dokumentation heißt dabei, dem Ort mit Respekt zu begegnen, statt ihn nur als Kulisse zu benutzen. Es kann sein, dass am Ende nicht jede Frage beantwortet ist. Aber der Versuch, das Rätsel ehrlich anzugehen, ist der Kern des Projekts.
Der erste Schritt: das Scouting
Deshalb steht am Anfang nicht die Kamera, sondern die Vorbereitung. In diesem Monat ist mein Expeditionspartner vor Ort und führt das erste Scouting durch. Er prüft die Location, die Bedingungen, die Zugänglichkeit — all die unscheinbaren Details, über die später der Erfolg oder das Scheitern entscheidet. Wie ist die Sicht? Welche Strömungen herrschen? Wie tief, wie erreichbar, wie sicher ist der Ort? Was sagen die Gegebenheiten über die beste Jahreszeit, die richtige Ausrüstung, die nötigen Genehmigungen? Und nicht zuletzt: Welche Merkmale am Wrack selbst könnten später helfen, seine Herkunft zu klären?
Das ist die unsichtbare Arbeit, die niemand auf einem Foto sieht — und die trotzdem über alles entscheidet. Eine Expedition wird nicht im Wasser gewonnen, sondern in den Monaten davor. Wer das überspringt, riskiert nicht nur schlechte Bilder, sondern im Ernstfall die Sicherheit aller Beteiligten. Und Sicherheit ist bei einem Projekt wie diesem keine Formsache, sondern die Grundlage von allem.
Ein Projekt, das wächst
Dieser Eintrag ist der Anfang eines Logbuchs. In den kommenden Monaten wird aus dem ersten Scouting ein Plan, aus dem Plan eine Vorbereitung, aus der Vorbereitung irgendwann die Expedition selbst — und vielleicht, Stück für Stück, eine Antwort auf die Frage nach dem Namen. Ich werde diesen Weg hier dokumentieren: die Fortschritte, die Rückschläge, das Warten, die Logistik, die Entscheidungen, die Spuren, die wir finden. Nicht nur das Ergebnis, sondern den ganzen Weg dorthin.
Denn genau das ist meine Überzeugung: Ich vertrete nichts, das ich nicht durchdrungen habe — und gebe nichts weiter, was ich nicht selbst lebe. Die Geschichte dieses Schiffes kenne ich noch nicht. Also fange ich am einzig ehrlichen Ort an: am Anfang.
Fortsetzung folgt.
